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press Heft März/April 2001
(wem das hier zu lang ist, um es am Bildschirm
zu lesen, dem oder der emgfehlen wir, es mit dem "Drucken"-Button
des Browsers auszudrucken und in Ruhe in der Sonne (falls ihr eine findet) im
Garten zu lesen, oder ihr kauft euch das Heft, dann gibts auch schöne Bilder
dazu. Das Heft könnt ihr dann natürlich auch in der Sonne im Garten
lesen)
Den
Seelenverkäufern auf der Spur
Firmen verkaufen
keine Produkte, sondern Gefühle. Und sind damit einflussreicher als manche Regierung.
Das behauptet die junge US-Autorin Naomi Klein. Ihr Buch No Logo, eine Kampfansage
gegen den Markenfetischismus, ist zum Überraschungs-Bestseller avanciert.
Wir haben bei der Vorstellung des Buches auf einen sehr gelungenen Artikel aus
dem magazin der "Frankfurter Rundschau" vom 17.3.01 zurückgegriffen.
Autorin des Artikels ist Mareen Linnartz. Aus Ihrer Feder ist auch der nachfolgende
Artikel.
Als Naomi Klein noch Teenager war und in Montreal lebte, war sie von
Marken besessen. Sie jobbte bei Esprit, kaufte nur Designer-Jeans, stickte geduldig
falsche Krokodile auf Polo-Hemden, damit sie aussahen als seien sie von Lacoste.
Es waren die 80er Jahre, die Zeit, in der Menschen sich vornehmlich über ihre
Kleidung definierten und in der Brett Easton Ellis mit seinem Roman "American
Psycho" die ganze Leere der Yuppie-Kultur samt ihres Markenkults vorführte.
Im Highschool-Jahrbuch stand über Naomi Klein, die in stetem Wechsel blond-,
braun- oder rothaarig war: "Sie wird im Gefängnis landen, weil sie eine Packung
Tönung gestohlen hat."
Ihre Mitschüler haben sich geirrt. Heute, mit 30 Jahren, ist Naomi Klein laut
Londoner Times "die wohl einflussreichste Person unter 35 Jahren". Sie hat ein
Buch geschrieben, No Logo, für das sie vier Jahre lang recherchierte. Auf 511
Seiten zeigt sie, wie stark Konzerne wie Nike, McDonalds oder Tommy Hilfiger
in Zeiten der Globalisierung unser Leben beherrschen, dokumentiert aber auch,
welche Gegenkräfte sich bereits rühren. Das Buch, das anfangs keinen Verleger
fand, hat sich inzwischen 100 000 Mal verkauft - ohne Werbung, nur mit Mundpropaganda.
Es ist in vier Sprachen übersetzt worden, wurde als "Das neue Kapital", "Bibel",
gar als ein "Manifest" gefeiert. Es hat die britische Band Radiohead auf den
Gedanken gebracht, für ihre letzte Platte Kid A nicht zu werben. Und es machte
Naomi Klein zur Ikone der Globalisierungsgegner, zum "Darling von Seattle",
wie Weggefährten sie nennen. Sie war zwar nicht dabei, damals, beim "Battle
of Seattle" gegen die Welthandelsmächte, dafür aber in Prag, wo sich im vergangenen
Herbst die Währungshüter trafen - und wo Klein als Rednerin abermals gegen die
Folgen der Globalisierung wetterte.
Wie ist dieser Erfolg zu erklären? Woher der Unmut einer Generation auf die
Welt der Marken, mit der sie doch so selbstverständlich aufgewachsen ist und
die ihnen eine Sicherheit gab, die Familie, Schule, Religion anscheinend nicht
mehr geben konnten? Der Darling von Seattle kauert im Schneidersitz auf seinem
Stuhl in einer noblen Hamburger Hotelsuite und ist sich nicht ganz sicher. Naomi
Klein wiegt den Kopf, schwenkt die randlose Brille, blickt fest mit ihren wachen
braunen Augen. Mit ihren weiten Jeans, dem schüchternen Blick, hat sie etwas
mädchenhaftes. "Ich kriege viele Briefe von 16- und 17-Jährigen. Sie mögen das
Buch, weil es eine Brücke schlägt. Zwischen der Welt, die sie kennen, die von
Marken bestimmt ist, und der Welt der Politik und Wirtschaft, von der sie aber
bisher nicht ahnten, wie sehr sie mit ihrer eigenen Realität zusammenhängt."
Naomi Klein deckt diese Zusammenhänge schonungslos auf. Sie schreibt von ihren
Besuchen in asiatischen Sweatshops, in denen unter unmenschlichen Bedingungen,
elf Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche, die Begehrlichkeiten der modernen
Welt produziert werden. Sie schockt mit Zahlenspielen: Die 50 000 Beschäftigten
einer chinesischen Fabrik etwa, die Nike-Turnschuhe herstellen, müssten 19 Jahre
lang arbeiten, um zu verdienen, was Nike in nur einem Jahr an Werbung ausgibt.
Sie erzählt unglaubliche Geschichten: Wie die des amerikanischen Schülers, der
vom Unterricht suspendiert wurde, weil er am Coca-Cola-Tag zu Ehren des Schulsponsors
statt eines roten T-Shirts leider mit dem blauen T-Shirt des Konkurrenten Pepsi
auftauchte. Oder die von dem Restaurantbesitzer in Illinois, der unglücklicherweise
Ronald McDonald heißt und deswegen seit Jahren von dem gleichnamigen Fast-Food-Konzern
mit Klagen an den Rand des Ruins getrieben wird. Und sie zeigt die subtilen
Strategien auf, mit denen die Supermarken vorgehen. Das Kaffeehaus-Imperium
Starbucks beispielsweise arbeitet nach dem "Cluster"-System: Wie eine klebrige
Masse breiten sich in einem Viertel ganz schnell ganz viele Filialen aus, bis
sich die einzelnen Starbucks-Häuser gar nicht mehr rentieren, die örtliche Konkurrenz
aber aufgegeben hat.
Diese Geschichten sind alle schon mal erzählt worden. Sie rechtfertigen nicht
den Hype, der um No Logo gemacht wird. Der hat einen anderen, schmerzhaften
Grund: Naomi Kleins These von der verkauften Seele. Firmen wie Nike, Tommy Hilfiger
oder Calvin Klein, die nur noch Maskerade sind, weil sie Outsourcing im großen
Stil betreiben, würden nämlich schon längst keine Produkte mehr verkaufen. Sondern
Gefühle: Marlboro statt Zigaretten Freiheit, Starbucks statt Kaffee Geborgenheit
und Body Shop statt Kosmetik eben ein gutes Gewissen. Damit greifen die Superbrands
in Bereiche ein, die früher anderen gehörten: Religionen, Parteien. Selbst Demokratie
gilt plötzlich als käufliches Gut. "Das habe ich bei einer Diskussion in Berlin
festgestellt: Mit Coca-Cola verbanden viele Demokratie." In dieser schönen neuen
Markenwelt bleibt kaum Raum, der nicht gesponsert oder plakatiert wäre. Selbst
Lebensmotti liefern die Firmen frei Haus mit: Just Do It (Nike). Think Different
(Apple). Where Do You Want To Go Today? (Microsoft). Das verheißt Rebellion,
Selbstbestimmung, und bietet doch nur Konformität. "Ein weiteres Paar Turnschuhe
in der Tüte, das ist alles was von diesem Zauber übrig bleibt. Sonst nichts",
sagt Naomi Klein und lacht lakonisch.
Am Ende dieser Entwicklung steht eine junge Generation, die nie eine eigene
Identität finden konnte, weil irgendeine passende Identität bestimmt schon im
Regal gelegen hat. Denn die Supermarken haben nicht nur Gefühle angeboten, sie
haben es zusätzlich auch hervorragend verstanden, jede Subkultur sofort aufzusaugen
und weiter zu verkaufen, jede Avantgarde ganz schnell im Mainstream zu ersticken.
So entdeckten sie die wilden Ghetto-Kids und münzten deren rebellisches Lebensgefühl
in Nike-Turnschuhe und Tommy-Hilfiger-T-Shirts um. Sie schnüffelten ein bisschen
auf dem Campus der Universitäten herum und fanden Gruppen, die aufrührerisch
dabei waren, der Welt Political Correctness zu verordnen. Das inspirierte Kampagnen
wie die flauschige, multikulturelle Benetton-Werbung und den politisch einwandfreien
Starbucks-Kaffee.
Naomi Klein hat genau das erlebt. Sie studierte Anfang der 90er Jahre in Toronto
Philosophie und englische Literatur und hatte gerade herausgefunden, dass Esprit-T-Shirts
und Lacoste-Krokodile ihr auf der Suche nach dem Lebenssinn nicht wirklich weiterhelfen.
Also begann sie, sich zu engagieren - ganz im Sinne ihrer Eltern, die aus Protest
gegen den Vietnamkrieg die USA verlassen hatten, und ganz im Geiste ihres Großvaters,
der als kommunistischer Arbeiter für Disney unter den Verfolgungen McCarthys
litt. Naomi Klein wurde energische Verfechterin für Gleichberechtigung, Chefredakteurin
des linken Politmagazin This Magazine, kämpfte für die Rechte Homosexueller.
"Und plötzlich merkte ich, dass meine Ideen, von denen ich dachte, sie seien
vor allem politisch, vor allem schick waren. Sie waren kommerzialisiert worden.
Und damit kraftlos." Seit dieser Erkenntnis kämpft sie gegen jene, die sie für
ihre wahren Feinde hält: Tommy Hilfiger, Calvin Klein, Liz Carbone.
Der Kampf ist schwierig. Zu den Vorkämpfern zählen die Adbusters, eine Aktivistengruppe
mit Sitz in Kanada, die Werbung mit ihren eigenen Mitteln entlarven will: Aus
dem Apple-Slogan "Denk anders" machten sie ein Plakat mit dem Dalai Lama und
dem Spruch "Denk desillusioniert". Es gibt Mitstreiter wie den Belgier Noel
Godin, der vor ein paar Jahren die "Biotic Baking Brigade" gründete, ein weltumspannendes
Netz aktiver Tortenwerfer. Prominentes Opfer: Bill Gates. Und, natürlich, es
gab die Proteste gegen die Mächtigen der Wirtschaft in Seattle, Prag und Davos,
die es wieder geben wird in diesem Jahr, an anderen Orten.
All diese Protestformen aber bergen die Gefahr, vollkommen wirkungslos zu verpuffen.
Warum? Weil die Adbusters sich selbst unglaubwürdig machen, indem sie Adbusting-Accessoires
über einen Versandkatalog vertreiben. Weil die Tortenwerfer zwar in die Hauptnachrichten
kommen, aber Bill Gates wohl mehr ärgern als beeindrucken. Weil die Proteste
der Globalisierungsgegner bislang seltsam diffus sind und auch nach ein paar
eingeworfenen Scheiben und wütenden Reden kein einziger Sweatshop geschlossen
worden ist. Selbst Naomi Klein kann sich gegen die Welt, die sie bekämpft, nicht
schützen: Wenn man aus dem Internet Artikel über sie sucht, erscheint unweigerlich
ein Banner: If you want to buy this book, click here. Und schließlich könnte
es noch passieren, dass die Begeisterung für ihr Buch zur bloßen Attitüde verkommt:
Dass es en vogue wird, sich gegen den Markenterror aufzulehnen und für kurze
Zeit die Lieblings-Nikes in der Ecke stehen zu lassen. So wie es Anfang der
90er cool war, auf den T-Shirts zum Rave aus dem Waschmittel "Dash" "Hash" zu
machen und aus dem Reifenhersteller "Goodyear" "Goodbeer". Selbst Naomi Klein
kann nur staunend zusehen, wie manche Marken aus ihrer Konsum-Kritik schon wieder
einen profitablen Trend gemacht haben: Sprite wirbt für seine Limonade mit "Image
is nothing", die Jeansfirma Diesel mit "Brand 0".
Naomi Klein teilt solchen Pessimismus nicht. Sie sitzt jetzt da, ganz entspannt,
lächelt. "Ich bin optimistisch. Das ist einfach mein Naturell. Es wird eine
neue politische Protestbewegung geben." Wie in den 60er Jahren? "Nein. Die waren
zu naiv, zu romantisch. Die waren zu direkt, da kann man nur verlieren, weil
man weniger Geld, weniger Macht hat. Wir haben das Internet, Demonstrationen,
wir organisieren Proteste in kleinen Gruppen. Wir sind dezentral, das ist unsere
Kraft. Die Konzerne sind angreifbar."
Vor eineinhalb Wochen hat in Zürich die erste Starbucks-Filiale auf dem europäischen
Kontinent eröffnet. In zwei Jahren, so die Devise des Konzerns, sollen es 500
sein.
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