alpha press - März 2003
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"Aktion Zamosc" - 2. Teil

Zamosc sollte Himmlerstadt heißen


Die Vorbereitungen für die geplante Wehrmachtsausstellung in Schwäbisch Hall (30.Mai bis 14.Juli 2003) laufen auf Hochtouren. Eher unerfreuliche Debatten werden folgen ... Aber was hat die Wehrmachtsausstellung mit Halls polnischer Partnerstadt Zamosc zu tun? Im Kreis Zamosc statuierten von November 1943 bis August 1942 die Nazis mit Unterstützung der Wehrmacht ein Exempel. Dort sollte die Idee der "Germanisierung des Ostens" durch Entvölkerung der polnischen Bewohner und Bevölkerung deutscher Bewohner zum ersten Mal in die Tat umgesetzt werden - der sogenannte "Generalplan Ost". Im folgenden geben wir leicht gekürzt einen Artikel von Werner Röhr (junge Welt vom 27./ 28. 11. 02) wieder. (Teil 2)

Mit dem Krieg gegen die Sowjetunion hatten die deutschen Okkupanten ihre Zielstellung für das "Generalgouvernement" (GG) entscheidend verändert. War bis dahin verkündet worden, das Gebiet sei "Heimstätte des polnischen Volkes", sollte es nun im Verlaufe von 15 bis 20 Jahren ein "rein deutsches" Land werden. Hatte es bis dahin dazu gedient, die aus Deutschland und den annektierten Gebieten "hinausgesäuberten" Juden und Polen aufzunehmen, sollte es nun "entjudet" werden. Das bedeutete das Todesurteil für die dort zusammengepferchten Juden.

"Generalgouverneur" Hans Frank hielt es für zweckmäßiger, mit der Aussiedlung erst nach dem Krieg zu beginnen. Er warnte davor, Unruhe "hereinzubringen": "Wir müssen mit brutaler Hand dort zuschlagen, wo Gefahren drohen; aber auf weite Sicht große volkspolitische Experimente zu machen, ist im Augenblick nicht angängig. Unlängst hat Reichsmarschall Göring gesagt: ›Es ist wichtiger, daß wir den Krieg gewinnen als Rassenpolitik durchsetzen‹. Wir müssen heute froh sein über jeden Polen, den wir in der Werkstätte haben. Ob der Pole oder der Jude uns paßt oder nicht, spielt jetzt keine Rolle; wichtig ist nur, daß er indirekt im Dienste des deutschen Volkes steht."

Der Reichsführer SS Heinrich Himmler wollte nicht bis zur vollständigen "Eindeutschung" der annektierten Gebiete Polens warten und leitete im März 1941 die "Vorplanung" der Aussiedlungen ein. Die Zielstellung war, den gesamten Distrikt Lublin mit deutschen bzw. nordischen Kolonisten zu besiedeln und die Polen allmählich wirtschaftlich und biologisch zu erdrücken. Als erstes wurde die unter der Losung "Heim ins Reich" laufende Rücksiedlung deutscher Bauern aus dem Osten in das Wartheland eingestellt.

Die Situation im Sommer 1942

Ausgehend von den Erfolgen der Sommeroffensive der Wehrmacht 1942 in der Sowjetunion ("Fall Blau"), entschied Himmler, es sei an der Zeit, die Prioritäten für die Besatzungspolitik zu ändern und nunmehr mit der Ansiedlung von Deutschen in großem Maßstab zu beginnen. Am 12. November 1942 erklärte er den Kreis Zamosc zum "ersten deutschen Siedlungsbereich" im GG. Bis zum Sommer 1943 sollten Stadt und Kreis "deutsch besiedelt" werden. Die "Regierung" des GG unter Frank und der Gouverneur des Distrikts Lublin wurden weder gefragt noch über die Entscheidung verständigt.
Wie bereits in den annektierten Gebieten bildete die SS zunehmend ein eigenes Territorialregime aus, angefangen von ihren territorialen Dienststellen über ihre eigenen Gefängnisse, rund 2000 Konzentrations-, Straf-, Durchgangs- und Arbeitslager bis zu einem schnell wachsenden Netz von großen Gütern als offiziellen SS- und Polizeistützpunkten. Schließlich war das GG 1942 der territoriale Schwerpunkt des Judenmords.

Warum gerade Zamosc?

Für die Auswahl des Kreises als erstes "Großsiedlungsgebiet im Generalgouvernement" war neben der ausgezeichneten Bodenqualität, die hohe Ernteerträge versprach, vor allem die geographische Lage maßgebend. Es lag im Zentrum des geplanten "Germanisierungsgürtels" von der Krim bis Leningrad und sollte als "deutsche Volksbrücke" Siebenbürgen mit den baltischen Ländern verbinden, die beide "deutsch besiedelt" werden sollten. Zugleich lag Zamosc an den geplanten West-Ost-Verkehrsadern, die das "Großdeutsche Reich" mit den eroberten sowjetischen Gebieten verbinden sollten und bildete ein Tor sowohl nach Rußland als auch in die Ukraine. Neben Lublin und Lwów (Lemberg) ließ Himmler von seinen Planern auch Shitomir und Winniza in der Ukraine als "Siedlungskerne" konzipieren. Sie sollten ein Viereck bilden, das später zu einem autonomen SS-Staat ausgebildet werden könnte. Vor allem in den Distrikten Lublin und Galizien eignete sich die SS seit März 1941 immer weitere Liegenschaften an. Sie wurden mit SS-Führern vom "Rasse- und Siedlungshauptamt" der SS besetzt. Diese SS-Güter sollten Schwerpunkte einer deutschen Besiedlung werden.

Bei der Wahl von Zamosc spielte der hohe Anteil jüdischer Bevölkerung eine große Rolle. Sie sollten nach einer Anweisung Himmlers bis 31.12.1942 vollständig ermordet bzw. in Ghettos gefangengesetzt sein. Die Entscheidung zur sofortigen Besiedlung des Kreises Zamosc 1942 fällte Himmler auch unter dem Druck überfüllter Umsiedlerlager. Etwa 10000 "Heim ins Reich!" gelockte oder gezwungene "Bessarabien- und Buchlanddeutsche" hatten nicht, wie ihnen versprochen, in Danzig-Westpreußen oder Oberschlesien angesiedelt werden können.

Mit dem SS- und Polizeiführer des Distrikts Lublin, Odilo Globocnik, verfügte Himmler vor Ort über einen ebenso fanatischen wie skrupellosen Verfechter seiner Ideen einer "Germanisierung des Bodens". Zamosc sollte nicht nur "Himmlerstadt" heißen, sondern Himmlers Stadt werden. Globocnik war später (1942/43) Leiter des "Einsatzes Reinhard", das heißt des Völkermordes an den Juden in den drei Vernichtungsstätten Treblinka, Sobibór und Belzec. Diese unterstanden ihm persönlich und nicht der Inspektion der Konzentrationslager wie das ebenfalls im Distrikt Lublin gelegene Konzentrationslager Majdanek.
"Fahndung nach deutschem Blut"
Woher sollten die deutschen Ansiedler für den Kreis Zamosc kommen? Zuerst wollte Globocnik auf die sogenannten Deutschstämmigen zurückgreifen, das waren die Nachkommen von deutschen katholischen Siedlern aus der Pfalz, dem Elsaß und Lothringen. Nach hundert Jahren waren sie vollständig assimiliert, die deutsche Sprache ausgestorben. Zu ihrer "Wiedereindeutschung" schrieb er 1941 eine "Fahndung nach deutschen Blut" aus. Diesen "Deutschstämmigen", die von ihrem Stamm nichts mehr wußten, wurde eingeredet und gedroht: "Nach erfolgter Überprüfung über die Wertigkeit durch die EWZ ist der Betreffende verpflichtet, in die deutsche Volksgemeinschaft einzutreten. Eine Weigerung gibt es nicht. Der Träger kann sein deutsches Blut nicht als Privateigentum betrachten, sondern als Volkstumsbestandteil".

Neben den "Deutschstämmigen" waren zunächst jene "volksdeutschen" Umsiedler vorgesehen, die bereits in den Lagern der "Einwanderer-Zentralstelle" (EWZ) warteten (sogenannte Ostfälle), vor allem aus Bessarabien (4000), Rumänien (3000), dem Leningrader Gebiet (6000), den baltischen Ländern (10000), der Bukowina (3000) und Serbien (1000). Später sollten "Kroatiendeutsche" aus Bosnien, "eindeutschungsfähige Slowenen", "Bulgariendeutsche" und 2500 Flamen (Holländer) zur Ansiedlung "bereitgestellt" werden.

Von den vorgesehenen rund 60000 Ansiedlern wurden bis zum endgültigen Abbruch der "Aktion Zamosc" knapp 9000 in 126 Dörfern angesiedelt, die sich auf elf Hauptdorfbereiche verteilten: Komarów, Krasnobrod, Miaczyn, Rachanice, Ruskie Piaski, Skierbieszów, Szczebreszyn, Tarnawatka, Tomaszów Lubelski, Werszczyna und Zamosc. Diese Ansiedler kamen aus Bessarabien bzw. Polen ("Volksdeutsche" bzw. "Deutschstämmige"), nur sehr wenige direkt aus Deutschland ("Reichsdeutsche").

Widerstand
Die von der zivilen Okkupationsverwaltung befürchteten Folgen traten sofort ein: Die Lebensmittelablieferungen der Bauern gingen stark zurück oder hörten ganz auf, die Widerstandsbewegung wuchs im ganzen Distrikt stark an, das Okkupationsregime wurde geschwächt und in Teilen des Distrikts Lublin funktionsunfähig. Himmler hatte zwar nach Stalingrad das Interesse an der weiteren Ausarbeitung des "Generalplan Ost" verloren, auch hatte Hitler derartige Zukunftsplanungen erst einmal untersagt. Dennoch hielten Himmler und Globocnik hartnäckig daran fest, diesen Distrikt noch während des Krieges "einzudeutschen".

Zum bewaffneten Widerstand gegen die Massenaussiedlung der polnischen Bauern strömten Partisanengruppen der Bauernbataillone (BCh) und der Volksgarde (GL) in das Gebiet. Selbst die Landesarmee (AK) brach mit ihrem Grundsatz, bis zu einem Aufstand "Gewehr bei Fuß" zu stehen. Die Partisanen und die flüchtigen Bauern bekämpften vor allem die deutschen Ansiedler und suchten sie wieder zu vertreiben. Im Maße eigenen Erstarkens lieferten sie den eingesetzten Polizeikräften Gefechte und schützten schließlich sogar Ortschaften vor ihnen.
Das für die Aussiedlungen mobilisierte Polizeibataillon z.b.V. konnte den Widerstand allein nicht niederhalten, so setzte Globocnik bereits im Februar 1943 neben dem Polizeiregiment 25 das berüchtigte 1. mot. Gendarmeriebataillon sowie Landesschützen des Heeres ein.

Da die bewaffneten Widerstandsbewegungen vorzugsweise die mit volksdeutschen Siedlern besetzten Dörfer angriffen, umgaben die Okkupanten die deutsch besiedelten Dörfer zu deren Schutz mit einem Kranz von ukrainischen Dörfern. Zu diesem Zweck wurde im Dezember 1942 bzw. im Februar 1943 je eine besondere sogenannte Ukraineraktion durchgeführt. Polnische Dörfer wurden evakuiert, um Platz für ukrainische Bauern zu schaffen, vor allem im Kreis Hrubieszów. Die deutschen Okkupanten spekulierten auf die nationalen Gegensätze und schürten sie, wo nur möglich. So trugen sie zu jenem mörderischen Krieg bei, der seit 1943 von den Nationalisten der Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA) gegen die polnische Bevölkerung entfesselt worden war. Dieser Krieg der UPA gegen das polnische Volk tobte im Winter 1943/44 im Kreis Zamosc besonders heftig, es war ein Bürgerkrieg um Siedlungsboden zwischen verfeindeten Völkern.

Großaktion "Werwolf"
Die "Aktion Zamosc" wurde Mitte März 1943 wegen der Frühjahrsaussaat unterbrochen und vom 27. Juni bis zum 15. August 1943 als militärische Großaktion "Werwolf" wiederaufgenommen. Da die Polizeikräfte die erstarkende Widerstandsbewegung allein nicht niederhalten konnten, mußte die Wehrmacht nun ganze Divisionen einsetzen, so die 154. und die 174. Reserve-Division und die 1. Staffel der Fliegergruppe 7, außerdem Ostlegionen der Eskadron Lublin und vier Polizeiregimenter. Sie umstellten die Dörfer. Ziel war es, zuerst und schlagartig alle "wehrfähigen" Männer ab 15 Jahren festzunehmen. Erst danach erfolgte die restlose Evakuierung. Diese Entvölkerung verlief womöglich noch brutaler als in der ersten Phase. Die Häuser wurden in kürzester Zeit geräumt; zahlreiche Menschen, vor allem Frauen, Kinder, Alte und Kranke überlebten bereits diese Exmittierung nicht. Den größten Haß unter den Ausgesiedelten erregte die Einteilung nach Wertungsgruppen. Da in der zweiten Phase die Verhaftungen oberste Priorität hatten, blieben in der Folge die Dörfer oft tagelang verwaist, das Vieh verendete.

Doch auch die eingesetzten Wehrmachtkräfte konnten den Widerstand nicht brechen. Im Vordergrund der Angriffe standen die deutsch besiedelten Dörfer, die immer häufiger angezündet wurden. Andere Überfälle richteten sich auf Eisenbahntransporte und zunehmend auf die gesamte Infrastruktur, damit wollten die Partisanen die Ernteerfassung verhindern. Im Sommer 1943 wurden die bewaffneten Ernteerfassungskommandos von den Partisanen attackiert. Neben den Angriffen auf deutsche Polizeiposten gingen die Widerstandsgruppen seit 1943 verstärkt dazu über, die mit den deutschen Okkupanten kollaborierenden ukrainischen und polnischen Polizisten zu liquidieren. Schließlich war die Widerstandsbewegung im Distrikt Lublin so erstarkt, daß sie geschlossene Abteilungen der Polizei in verlustreiche Gefechte verwickeln konnte. Am 30. Juni 1943 erklärte Himmler das gesamte GG neben anderen besetzten Teilen Europas zum "Bandenkampfgebiet".

Die Niederlage der Wehrmacht in Stalingrad beflügelte den Widerstand gegen die Aussiedlungen. Doch sie hatte offenkundig noch nicht ausgereicht, um die deutschen Okkupanten zu zwingen, auf völkermörderische Experimente wie die "Aktion Zamosc" zu verzichten. Um deren Abbruch zu erzwingen, bedurfte es noch der Niederlage der Wehrmacht bei Kursk und des endgültigen Verlustes der Fähigkeit zur strategischen Offensive. Aus Mangel an Polizeikräften mußte Globocnik am 15. August 1943 die "Aktion Werwolf II" abbrechen. Diese Polizeikräfte schlugen nämlich gerade den Ghettoaufstand in Bialystok nieder. Dies war unwiderruflich das Ende der "Aktion Zamosc". Auch die sogenannte Sickersiedlung als unauffälligere Form der Eindeutschung mußte eingestellt werden. Himmler mußte Globocnik als Distriktpolizeichef und dann auch Krüger als Höheren SS- und Polizeiführer Ost ablösen.

Kurze Bilanz

Von November 1942 bis August 1943 vertrieben SS-, Polizei- und Wehrmachteinheiten rund 110000 Polen aus 300 Dörfern der Kreise Zamosc, Hrubieszów, Bilgoraj und Tomaszów Lubelski. Die Mehrheit flüchtete, 51000 wurden "erfaßt" und in die Sammellager bzw. in Konzentrationslager deportiert. Bei rund 260 Terroraktionen wurden 7000 Menschen ermordet. Im Aussiedlungsgebiet erlitten 34 Dörfer das Schicksal von Lidice. Tausende Kinder und alte Menschen starben darüber hinaus an den Folgen der Gewalttätigkeit, sie erfroren, verhungerten oder kamen auf andere Weise ums Leben. Die polnische Bevölkerung unternahm große Anstrengungen, um die Kinder aus Zamosc zu retten und in polnischen Familien unterzubringen. 10000 Kinder überlebten nicht, rund 30000 wurden von ihren Eltern getrennt.

In den geräumten Dörfern wurden rund 9000 "volksdeutsche" Siedler in 126 Ortschaften angesiedelt, vor allem aus Bessarabien. Als die Rote Armee nur noch 80 Kilometer entfernt stand, mußten die letzten dieser deutschen Neusiedler den Kreis Zamosc räumen. Sie hatten ihre neue Existenz auf der Aussiedlung der Polen begründen wollen. Nun wurden sie die Opfer jener Politik, als deren Speerspitze im "Volkstumskampf" sie figuriert hatten. Zamosc wurden im Juli 1944 von der Roten Armee befreit.

Quellen:
aCzeslaw Madajczyk (Hg.) Generalny Plan Wschód. Zbiór dokumentów, Warszawa 1990;
Rolf-Dieter Müller: Hitlers Ostkrieg und die deutsche Siedlungspolitik, Frankfurt/Main 1991;
Mechthild Rössler/Sabine Schleiermacher (Hg.): Der "Generalplan Ost" Hauptlinien der nationalsozialistischen Planungs- und Vernichtungspolitik, Berlin 1993

 


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